Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
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Barchent

Von: Prof. Dr. Rolf Kießling (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • Bezeichnung für ein Mischgewebe (arab. barrakàn) aus Leinen (Kette) und Baumwolle (Schuss). Seit dem 2. Jahrhundert bekannt, im 12./13. Jahrhundert sich über Südeuropa ausbreitend, erfasste die Produktion in Form eines bedeutsamen Innovationsprozesses in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf der Basis des bereits voll ausgebildeten Leinenexportgewerbes (Weber) Ostschwaben. Erstmals exakt belegt ist die Barchent-Produktion in Augsburg durch das Ungeld von 1385, doch weist die daraus erschließbare Herstellung von knapp 12.000 Tuchen auf einen längerfristigen Umstellungsprozess, der sicher in die 1370er Jahre zurückdatiert werden darf. Der steile Aufstieg und weitere Verlauf der Produktionsziffern lässt sich anhand der Ungeldbeträge verfolgen. Die Barchent-Herstellung wurde zum Leitsektor der Augsburger Wirtschaft im 15. Jahrhundert. Die städtische Gewerbeschau zur Prüfung der Importwolle (vor allem über Venedig) und der Gewebe nach den Normen für die verschiedenen Qualitätsstufen und Sorten sowie der Verarbeitungsstufen (Bleicher, Färber) entwickelte dabei auch eine Zentralität für das Umland, so dass in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts mehrere Ratsverbote den Verlag mit Landwebern im Umkreis von drei Meilen (45 km) untersagten. Trotz Krisenlagen (Handelssperren gegen Venedig 1418-1428, 1431-1433; allgemeine Depression Mitte des 15. Jahrhunderts) konnte Augsburg die Barchent-Produktion Ostschwabens verstärkt an sich ziehen, so dass die Jahresproduktion im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts wieder 50.000-70.000 Stück erreichte und bis um 1600 auf ca. 500.000 Stück pro Jahr stieg, wobei sich der Anteil der seit dem 15. Jahrhundert auftretenden gefärbten Sorten (1423 schwarz, 1443 rot, dann mehrere Farben) besonders erhöhte. In den Krisen des 15. Jahrhunderts setzte sich auch eine neue Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land durch: Das Land wurde neben der Flachsproduktion und dem Spinnen des Garns auf die Herstellung von Wepfen (die nach Stärke, Zahl und Länge vorgefertigte Kette) abgedrängt. Seit Anfang des 17. Jahrhunderts ging die Barchent-Produktion rapide zurück, um im 18. Jahrhundert fast ganz von anderen Gewebesorten, vor allem von Baumwollstoffen, verdrängt zu werden.

Pius Dirr, Augsburger Textilindustrie im 18. Jahrhundert, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 37 (1911), 1-106; Wolfgang von Stromer, Die Gründung der Baumwollindustrie in Mitteleuropa, 1978; Claus Peter Clasen, Die Augsburger Weber, 1981; Rolf Kießling, Stadt und Land im Textilgewerbe Ostschwabens vom 14. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, in: Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft, 1983, 115-138; Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 171-181 (Rolf Kießling), 258-301 (Hermann Kellenbenz), 468-480 (Peter Fassl); Claus Peter Clasen, Die Augsburger Bleichen im 18. Jahrhundert, in: Aufbruch ins Industriezeitalter 2, 1985, 184-225; Rolf Kießling, Die Stadt und ihr Land, 1989, 721-741; Claus-Peter Clasen, Textilherstellung in Augsburg in der Frühen Neuzeit 2, 1995, 221-228.



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