Stadtlexikon Augsburg - Nachschlagewerk zur Geschichte der Stadt Augsburg und Schwabens.
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z

Maße und Gewichte

Von: PD Dr. Rainer Beck (Stand: 2. Auflage Druckausgabe)

  • 1809 erließ die bayerische Regierung eine Verordnung, derzufolge ab 1810 in ganz Bayern ’gleichförmiges Maß und Gewicht’ gelten sollte. Die ehemalige Reichsstadt Augsburg übernahm das hinsichtlich seiner Standardisierung neue bayerische Maßsystem, bei dem traditionelle, vorrangig altbayerische oder Münchener Maße zu gesamtbayerischen Normalmaßen erhoben wurden. Gleichzeitig publizierte Umrechnungstabellen in die ’neuen französischen’ Maße kündigten aber schon die große Transformation des Messens an: Eine semantische, technische und praktische ’Revolution’ im Gefolge der politischen Revolution. 1869 löste dann das ’metrische System’ der Gegenwart die alten Maße endgültig ab. Die Augsburger Maße vor 1810 unterschieden sich von den heutigen nicht nur durch Größendifferenzen, sie folgten einer anderen Logik, waren Ausdruck eines ’anthropometrischen Systems’ (Witold Kula), das seine Einheiten über den Menschen herleitete und dessen Arithmetik vorrangig non-dezimal war. Das metrische System brachte den Übergang zu abstrakterem Messen und Berechnen sowie zu Präzisierung und großräumiger Normierung der Maße und Messmethoden.
  • Heterogenität und Partikularität: In der Zeit vor 1800 glich kaum ein Maß oder Gewicht einer Stadt dem einer anderen, bestenfalls ähnelten sie sich. Bei Getreidemaßen begannen die Probleme schon bei der Terminologie: Wurde in Augsburg oder München das Korn in ’Schaff’ gezählt, so rechnete man in Nördlingen mit Malter, in Ulm mit ’Immi’. Andere Begriffe wie Elle und Pfund waren relativ universell, konnten aber am selben Ort unterschiedliche Normierung erfahren haben. Das vormoderne Maßsystem kannte keine Größe, die universelle Einheit allen Messens war wie später, verknüpft mit dem Dezimalsystem, der Meter. Mehrdimensionales Messen war zwar auch mit dem Augsburger Schuh möglich, er war jedoch nur Teil eines Subsystems der Längengliederung, dessen weitere Einheiten nicht Vielfaches oder Bruchteile des Schuhs bildeten, sondern Klafter (6 Schuh), Zoll (1/12 Schuh) und ’Linie’ (1/12 Zoll). Diese ursprünglich unabhängigen Maße waren so justiert worden, dass sie innerhalb des Duodezimalsystems mit dem Schuh konvertible Größen bildeten, aber weiter eigenständige Einheiten blieben – eine für das traditionelle Maßsystem typische Konstruktion. So sind, obwohl mit dem Schuh Rauminhalte berechnet werden konnten, originäre Beziehungen zu den Augsburger Hohl- und Flüssigkeitsmaßen nicht erkennbar. Keine abstrakten Kategorien wie Länge, Fläche, Volumen organisierten und integrierten das Augsburger Maßsystem; es bestand aus einem Verbund nach bestimmten Anwendungsbereichen segmentierter Einheiten und Subsysteme. Das Produkt oder der Gegenstand bestimmte das Maß, nicht umgekehrt. Für die Volumina von Wein und Bier gab es das zweigegliederte (Visier- und Schenkmaß) Subsystem der Flüssigkeitsmaße (Eimer, Maß, Seidl, Quartel etc.); für Getreide und Feldfrüchte das Subsystem der Hohlmaße (Scheffel, Schaff, Metz, Vierling etc.); Holz wurde in Klafter, Stoffe in Ellen gemessen; Heu kam in Fuder, Stroh in Schob oder Büschel, Kalk in Truhen oder Fässern auf den Markt.
  • Relationen: Die Größenproportionen dieser Maßsysteme waren unterschiedlich. Nur in wenigen Fällen gab es dezimale Gliederungen wie beim Zentner mit 100 Pfund oder beim geometrischen Schuh, der sich – abweichend vom Werkschuh – in zehn Zoll bzw. 100 Linien unterteilte (wohl auch in Augsburg verwendet, obwohl direkte Belege fehlen). Zumeist waren sie seidezimal, duodezimal oder auch nur dual; so passten in ein Augsburger ’Schaff’ acht Metzen, in den Metzen dann vier Vierling, 16 Viertel oder 64 Mäßle; die Augsburger ’Maß’ hielt zwei ’Seidel’ oder vier ’Quartel’. Kennzeichnend für diese non-dezimale Arithmetik war also, dass sie mit ganzen Zahlen operierte, die sich einfach teilen und multiplizieren ließen.
  • Variabilität: Die Augsburger Maße waren Elemente einer wandelbaren und kontextabhängigen Praxis, die sich allein anhand der Bezeichnungen nicht immer rekonstruieren lässt. Maß- und Gewichtsangaben konnten sich auf unterschiedliche Größen beziehen, die in Rechnungen nicht immer definiert erscheinen. Zeitgenossen wussten aus dem Zusammenhang, was gemeint war. Beim Pfund gab es ein schwereres ’Fron’- oder ’Stadtgewicht’ und ein leichteres ’Kramgewicht’. Ersteres hatte sich wohl aus dem Normgewicht der bischöflichen Fronwaage entwickelt, wobei im Mittelalter als Zentneräquivalent (vielleicht Spezialgewicht für Wachs, Unschlitt und Schmer) auch die Waage belegt ist; letzteres dürfte im alltäglichen Marktverkehr (Kleinhandel) verwendet worden sein. Neben einer langen Elle von knapp 61 cm gab es eine kurze von knapp 59 cm. Mit welcher dieser Ellen gemessen wurde, war vom Material der Stoffe abhängig. Die große ’Kram’-Elle galt wohl für ’cramgewand’ (z. B. Seide und Brokat), vielleicht auch für Tuche und zeitweilig für Leinen, die kleine Elle war Normmaß für Barchent, den wichtigsten Augsburger Exportartikel. In einigen Fällen besaßen Obereinheiten trotz nominaler Differenzierung gleiche Größe und variierten nur bei den Teileinheiten. Gleichlang waren ’Werk’-Schuh und geometrischer Schuh; bedingt durch Duodezimal- bzw. Dezimalgliederung unterschieden sich jedoch ihre Untergliederungen Zoll und Linie. Nebeneinander standen auch die Bezeichnungen ’Visier’- und ’Schenk’-Eimer, obwohl beide ca. 75 l enthielten. Der ’Visier’-Eimer gliederte sich jedoch in 64 ’Visier’-Maß, während der ’Schenk’-Eimer bei der Umstellung 72 ’Schenk’-Maß hielt. Da im Stadtrecht von 1276 noch einheitliche Normkannen erwähnt werden, könnte sich diese Differenzierung bei Einführung des Getränkeungelds (erhoben in Maß-Anteilen des Eimers) im 14. Jahrhundert entwickelt haben. Verschiedentlich fassbare Modifikationen des Schenkmaßes hatten wohl den Zweck, Veränderungen der steuerlichen Belastung zu verschleiern; so erwähnt eine Urkunde von 1383 ’Mehrung’ der Wein- und ’Minderung’ der Bier-Eimer und nach chronikalischer Überlieferung wurde 1474, bei einer Erhöhung des Weinungelds, die Maßzahl des Eimers von 72 auf 76 angehoben. Erst 1538 scheint die Schenkmaß in der Größe normiert worden zu sein, die noch 1810 galt. Maßänderungen konnten auch zu einem Nebeneinander sowohl quantitativ wie qualitativ definierter Größen führen. In Augsburg wurden Äcker und Wald in ’Jauchert’, Grünflächen in ’Tagwerk’ bemessen; hinter diesen Bezeichnungen verbargen sich aber unterschiedliche Größen, je nachdem, ob es sich um ’alte’ oder ’jüngere’ Jauchert und Tagwerk handelte. Alte Flurmaße waren keine Flächen-, sondern Arbeits- bzw. Produktionsmaße, deren Flächeninhalt nach Klima und Bodenqualität variierte und bestenfalls als Durchschnittswert bestimmt werden kann. Wie in Altbayern dürfte ursprünglich auch im Augsburger Raum ein Jauchert im Mittel ca. 0,6 ha entsprochen haben, das Tagwerk lag wohl nicht wesentlich darunter. 1809 sind sie als Flächenmaße ausgewiesen, wobei ein Jauchert 50.000 (ca. 0,44 ha), ein Tagwerk 40.000 (ca. 0,35 ha) Quadratschuh enthielt. Die Augsburger Flurmaße hatten demnach im Laufe der frühen Neuzeit eine Redefinition erfahren; alte und neue Maße bestanden aber im 17./18. Jahrhundert nebeneinander, da die Etablierung reiner Flächenmaße aufwendige Neuvermessungen erfordert hätte. Wenig normiert und somit ebenfalls variabel und kontextabhängig waren auch die Messmethoden, besonders bei Hohlmaßen. Abweichend von heutigen Konventionen deckten sich Maß und gemessene Menge nur bedingt. Einen Hinweis bietet schon das Stadtrecht von 1276, das als Salzmenge einen ’gestriechen’ Metzen erwähnt. In erster Linie war es aber Getreide, das über dem Maß abgestrichen oder angehäuft bzw. durch eine separat bemessene Menge ergänzt wurde, wobei für die ’Aufmaße’ sowohl historische wie funktionale Gründe erkennbar sind. Bei Getreideabgaben nach ’Augsburger Herrenmeß’ war das Anhäufen Ausfluss herrschaftlicher Bindungen. Daneben existierten sortenspezifische Aufmaße: nach einer Ratsordnung von 1559 musste bei ’rauhen’ Getreiden wie Hafer und Fesen pro Schaff ein halber Metzen zugegeben werden. In bayerischen Amtsblättern des frühen 19. Jahrhunderts werden Aufmaße nicht mehr erwähnt.
  • Genauigkeit: Bei jeder Umrechnung in moderne Maße ist zu berücksichtigen, dass etliche alte Maße ’ungenau’ waren. Dies konnte an mangelhafter Eichung liegen, aber auch systembedingt sein, denn Genauigkeit, die großen Aufwand erforderte, war häufig nicht intendiert. Bei manchen handwerklichen Produkten erleichterten Standardisierungen (z. B. Stoffbreiten) das Maßnehmen. Insgesamt boten die Augsburger Längenmaße (Kleinteilungen bis zur Linie = ca. 2,1 mm) sowie die Feingewichte der Goldschmiede (bis zum Pfennig = ca. 0,92 g) und Apotheker (bis zum Gran = 0,06 g) Möglichkeiten für ein recht exaktes Messen und Wiegen, wobei die Feinheit der Maße und Gewichte generell mit dem Wert der Güter zunahm. Eine nicht-mechanisierte Landwirtschaft hatte dagegen mit der Naturwüchsigkeit ihrer Produkte und der Variabilität der Arbeitsmaßnahmen zu kämpfen. Ländliche Maßeinheiten ergaben sich oft aus Arbeitsschritten (z. B. Getreide-’Garbe’), einem nie ganz uniformen menschlichen Handanlegen. Wenn es sich um geringerwertige Produkte handelte, konnten jedoch auch grobe Maße wie das ’Fuder’ (Wagenladung) Heu oder das ’Büschel’ Stroh den landwirtschaftlichen Kalkulationsbedürfnissen durchaus genügen. Andere Ungenauigkeiten sind erst aus heutiger Sicht solche und beruhen auf kategorialen Veränderungen wie bei mittelalterlichen Flurmaßen, die statt der Fläche eher den Wert oder die Bonität eines Grundstücks repräsentierten. Hierzu gehört auch, dass viele heute nach Gewicht validierte Produkte früher nach Volumen bemessen wurden. Es mutet modern an, wenn das Heilig-Geist-Spital 1622 Heu nach Zentnern kaufte, denn im ländlichen Bereich scheint man gegenüber Gewichten skeptisch gewesen zu sein: Sie entzogen sich einer visuellen Kontrolle und galten als manipulierbar. Bei Gütern mit variablem spezifischen Gewicht sind Volumen und Gewicht nur begrenzt ’konvertibel’, bei Getreide konnte abhängig von Witterung und Bodengüte sogar das Sortengewicht schwanken, so dass sich nur Näherungswerte ermitteln lassen. Ungenauigkeiten ergaben sich auch durch die Messinstrumente. Die hölzernen nur eisenverstärkten Getreidemaße waren Veränderungen und Abnutzungen unterworfen, die zu Abweichungen von den Muttermaßen führten; im Unterschied zu Gewichten und Längenmaßen waren sie ohnehin schwer zu eichen. Allerdings spielten nicht nur technische Probleme eine Rolle, denn Messinstrumente, die als Augsburger Maß firmierten, unterlagen nicht durchgängig der Jurisdiktion oder Kontrolle der Stadt. So zeigten Augsburger Schaff und Metzen, die 1809 auch in Nördlingen, Dillingen, Donauwörth, Ursberg, Buchloe und Friedberg (neben lokalen Maßen) in Gebrauch waren, bei Kontrollmessungen Abweichungen von – 2,5 bis + 3,5 % gegenüber Augsburger Gefäßen. Die Hohlmaße, die z. T. vielleicht schon im Spätmittelalter an diese Orte gelangt waren, hatten ihre eigene dingliche Kontinuität entwickelt und waren trotz objektiver Ungenauigkeit das jeweils gültige Augsburger Maß. Gerade für die Menschen auf dem Land scheint die Konservierung des gewohnten (in aller Regel also dinglichen) Maßes auch dann Rechtssicherheit verbürgt zu haben, wenn es faktisch von der Norm abwich.

Caspar Walter, Hydraulica Augustana, 1754, 38; Johann Conrad Beuther, Getrayd-Maaß-Vergleichungs-Tabellen der vornehmsten Städte in Europa, 1772, 46 f., 88 f.; Augsburger Intelligenzblatt, 29.2.1804, 68-77; 27.4.1808, 130-139; Regierungsblatt für die kurpfalzbaierische Provinz in Schwaben 1804, 99-110; Regierungsblatt für das Königreich Bayern 1809, 474-482; 1811, 194-198, 1178-1344; Christian und Friedrich Noback, Vollständiges Taschenbuch der Münz-, Maaß- und Gewichts-Verhältnisse, 1850, 76 f.; Das Stadtbuch von Augsburg insbesondere das Stadtrecht vom Jahre 1276, 1872; Moritz J. Elsas, Umriß einer Geschichte der Preise und Löhne in Deutschland 1, 1936, 152-154, 360-423; Ulf Dirlmeier, Untersuchungen zu Einkommensverhältnissen und Lebenshaltungskosten in oberdeutschen Städten des Spätmittelalters, 1978, 569 f.; Hermann Kellenbenz, Wirtschaftsleben der Blütezeit, in: Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart, 21985, 258-301; Bernd Roeck, Elias Holl, 1985, 141, 280; Witold Kula, measures and men, 1986; Bernd Roeck, Bäcker, Brot und Getreide in Augsburg, 1987, 73-75; Rudolf Schlögl, Bauern, Krieg und Staat, 1988, 370; Rainer Beck, Unterfinning, 1993, 577-580; Ders., Maß und Gewicht in vormoderner Zeit. Das Beispiel Augsburg, in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 91 (1998), 169-198.



Wir freuen uns über Ihre Anmerkungen, Verbesserungsvorschläge und Ergänzungen zu den einzelnen Artikeln. Allerdings behalten wir uns das Recht vor, ungemessene Kommentare zu ignorieren. Gerne können Sie auch direkt per eMail Kontakt mit uns aufnehmen.

Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Name:
Email:

Kommentar:
Bitte abgebildeten Sicherheitscode eingeben:


 



Wißner-Verlag Tel. 0821/25989-0